Therapie für Mia - oder für mich?

Heute vor einer Woche hatten wir den letzten Tag der 4,5 Wochen langen Sprachintensivtherapie im Logo-Zentrum Lindlar hinter uns gebracht.


Ich möchte einmal diese Zeit reflektieren  und meine Gedanken in dieser Zeit in Worte fassen….-falls das überhaupt möglich ist… Denn in diesen Wochen ist mir soooo viel durch den Kopf gegangen. Ängste Stolz, Unsicherheit, Überforderung, Freude, Spaß Müdigkeit….alle Gefühle dieser Welt habe ich in diesen Wochen erfahren und ich vermute Mia ebenso.

Erst einmal war es ein Kampf in uns Eltern und um uns herum bis es überhaupt zur ersten Therapiestunde in Lindlar kam.


Uns war klar, dort wird sehr intensiv therapiert und viele Menschen um uns herum vermuten, dass wir Mia damit überfordern würden. Ich musste mich regelrecht dazu zwingen, mir meine – ganz eigenen - Gedanken dazu zu machen, ohne mich von anderen beeinflussen zu lassen.  Irgendetwas hatte mir innerlich gesagt, dass eine intensive Therapie für Mia geeigneter war als eine normale 1-2 Stunden-pro-Woche-Therapie. Ich wusste, dass ich nur mit dieser normalen Größenordnung pro Woche zufrieden sein könnte, wenn vorher eine intensive Therapie die Basis setzte.


Mir war klar, dass wir bei der Therapie in Lindlar von ca. 55 Stunden in 4 Wochen Logopädie und 40 Stunden Ergotherapie reden würden. Wenngleich eine Therapiestunde auch nur 45 Minuten dauert, war mir bewusst, was ich da von unserer noch nicht einmal 3-jährigen Tochter verlangen würde…

War das mein Ehrgeiz, der da zu mir sprach- oder stand wirklich Mia im Vordergrund? Schätze ich sie richtig ein, wenn ich mir sagte, dass packt Mia oder ist das Wunschdenken? Wenn ich mich dazu entscheide, diese Intensivtherapie mit ihr anzugehen, wie reagiere ich darauf, wenn sie absolute Überforderung zeigt. Bin ich so realistisch, dass ich es bemerke und einschreite… evtl. sogar aufgebe – nach all dieser langen Planung, Vorbereitung und einem intensiven Kampf?


Es gab Fragen, die ich mir ganz klar selber beantworten konnte…Eine Antwort davon war unbestritten: Ja, ich merke, wenn Mia überfordert ist und JA, ich habe kein Problem die Länge der Stunden oder die tägliche Anzahl reduzieren zu lassen. Und sollte es absolut gar nicht gehen, dann werde ich diese Therapie abrechen.

Was ich bis heute nicht mit 100 %-iger Überzeugung sagen kann- bei aller Eigenreflektion: Denke ich da nur an Mia oder ist es einfach mein Wunsch, dass Mia mehr kommunizieren kann? Mein größtes Problem mit Mia ist, dass ICH nicht mit Mia kommunizieren kann. Meine ganze Erziehungsarbeit mit den größeren Geschwistern von Mia beruhte auf Kommunikation. Ich erklärte immer alle Regeln und auch Verbote- dies tat ich von klein auf an mit einfachen Worten und veränderte den Sprachstil mit laufendem Alter der Kinder. Es war mir insofern wichtig, weil ich davon überzeugt bin, dass ich keine JA-Sager –Kinder haben möchte, die sich von einer Autoritätsperson reflektionslos alles überstülpen lassen. Mir war bewusst, dass Kinder Regeln einhalten und Verbote achten konnten, wenn sie den Sinn dahinter verstanden haben und der Erfolg zeigte mir in den letzten 18 Jahren, dass die Einstellung die Richtige war.


Ich las ihnen Geschichten vor, dachte mir selber Geschichten aus, durch die wir Problemsituationen des Tages besprechen und verarbeiten konnten. Wir sangen Lieder und lernten kurze Gedichte, da auswendig lernen irgendwann im Schulleben vorkommen würde und man in Kleinkindalter die Kleinen schon sensibilisieren konnte auf spielerische Weise….


All das funktionierte mit Mia nun nicht! Dreimal war Kommunikation und Liebe gepaart mit Konsequenz und Respekt das A & O meiner Erziehung. Ich muss zugeben, ich war nie die Mutter die es liebte, stundenlang mit dem Buggy spazieren zu gehen, deren größte Freude es war, das Kind zu baden, zu füttern und zu wickeln und die es bevorzugte, sich mit anderen Müttern am Spielplatz zu treffen, um gegenseitig sich von den Fortschritten des Kindes vorzuschwärmen oder sich über Kinderkrankheiten auszutauschen…

Aber genau zu diesem Mutterdasein zwang mich die Besonderheit unserer jüngsten Tochter nun… - nur darauf beschränkte sich das Leben mit Mia…. Wickeln, füttern, baden…aufpassen, dass sie keinen Blödsinn machte oder sich in Gefahr brachte, hinter ihr aufräumen, spazieren gehen.

Regeln lernen fast unmöglich. Sie kannte ein „NEIN“ und akzeptierte es auch weitestgehend… aber genau das widersprach ja gegen all meine Erziehungsregeln….. Mia schüttet das Wasser aus der Vase: „NEIN, MIA“… Mia will ein Kaugummi von der Straße ablecken: „NEIN, MIA“…. Mia durfte 10 Minuten ihr Kinderlieder-Video schauen und nun wollten wir essen und sie möchte, dass es weiter läuft: „NEIN, MIA!“               

 NEIN -  NEIN - NEIN….


Das einzige was bei allen gleich war und ist… ist die Liebe, die ich meinen Kindern geben kann, zum Glück sogar Kuscheleinheiten, von denen Mia selten genug bekommen kann.

Mia kam damit klar – überwiegend erschien es so, dass ihr ihre Kommunikationsmöglichkeit reichte – schließlich konnte sie 4-6 Gebärden mit denen sie auf Essen, Trinken, Dinge öffnen und – ganz wichtig auf Bonbons hinweisen konnte… Der Rest gelang mit  Handführung des Gegenübers oder notfalls mit nachdrücklichen Schreianfällen. Dennoch – wenn sie vor ihren geliebten Spiegeln stand kommunizierte sie ganz klar mit sich…manchmal erschien es mir als könne ich einzelne konkrete Wörter heraushören…. War sie bereit Kommunikation zu beginnen…bzw. ihre Kommunikation zu erweitern? Mia hatte begonnen uns anzuschauen – die Blicke waren nur kurz und nicht erzwungen und wenn ich ein Lied sang – was Mia sehr liebt – schaute sie mir in letzter zeigt gezielt auf den Mund…schob manchmal sogar ihre ganze Hand in meinen Mund, so als wolle sie schauen, woher diese Laute wohl kommen….


Nun, es war also geklärt…. Ich könnte alles abbrechen, wenn es nicht gut für Mia wäre und auch wenn ich mehr an der Kommunikation hänge als Mia, würde es ihr nicht schaden, wenn sie verstehen würde, was Kommunikation bedeutet…nämlich noch schneller an ihr Ziel zu gelangen…


So füllte ich die Anmeldung aus  und mein Mann kämpfte andererseits für die Rezepte (wobei das besser klappte als gedacht, nachdem wir unsere Ärztin überzeugen konnten, dass diese Therapie genau richtig sei für Mia) und die Übernahme der meisten Kosten durch die Krankenkasse (Barmer sei Dank!) Und schneller als gedacht stand ich mit Mia in der Wohnung des Zentrums und bereitet die Tasche für die erste Therapiestunde vor….


(Wie es weiter geht in der Therapie, erfahrt ihr im nächsten Blog – jetzt heißt es erst einmal Abendessen mit der Familie)

 

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