Kann man ein Kind übertherapieren?

Ich wurde sicher schon 4-5 mal gefragt, ob ich nicht vielleicht mein Kind übertherapiere und natürlich denke ich bei solchen Anregungen nach.....

Aber ich denke auch nach, wenn sicherlich  mehr als 30 Personen sagen, dass es toll ist, wieviel ich in Bewegung setzte für unsere Tochter und wie ich es immer wieder schaffe, all meine Kraft in Mias Förderung zu stecken...


Sicher macht mich das stolz, wenn ich das so höre.....und denke trotzdem oft darüber nach, wie viel ist zu wenig und wieviel ist zu viel Förderung. Kann man einen Menschen zu viel fördern? Sind es meine Bedürfnisse nach einem "normalen" Kind, was mich dazu verleitet? Bin ich egoistisch und vergesse dabei, dass Autismus unheilbar ist?


Ich bin eine Mutter, die sich ständig reflektiert. Nicht nur in der Erziehung von Mia, sondern auch bei den anderen 4 Geschwistern. Manchmal sogar nennen mich andere Mütter "zu selbstkritisch",

Sicher, ich darf Fehler machen- ich mache täglich Fehler- als Mensch -als Ehefrau - als Freundin -als Chefin -als Kollegin und ganz sicher als Mutter....

Dass ich Fehler machen darf, ist mir vollkommen bewusst und dennoch ärgere ich mich über mich selber, wenn ich mich dabei ertappe...


Ich schaue gerne hinter die Fassade, ich versuche das Unwesentliche zu erfassen- bei anderen, aber auch bei mir.

Schaut man hinter das Offensichtliche, erkennt man die Stärken der Menschen und die Schwächen......,

den Mut und die Angst dahinter, die einen mutig sein lässt, ........ die Kraft und Energie, die erst dann richtig zu Tage kommt, wenn die Schwäche zu groß wird und man einfach überleben will....

Und genau das muss ich auch bei mir sehen- ganz besonders in meiner Rolle als Mutter.


Nun wieder zurück zur Frage: "Kann man ein Kind übertherapieren?"

Ich weiß es nicht...- vielleicht kann man es, wenn man sich nicht reflektiert, wenn man nicht immer wieder neu, den Entwicklungsstand und die Bedürfnisse des Kindes bedenkt, wenn man nicht auf die kleinen Hinweise achtet.


Wird Mia übertherapiert? Mache ich zuviel mit ihr? Vergesse ich ihre Bedürfnisse und reflektiere ich ihr Verhalten? Nehme ich Ihre kleinen versteckten Hinweise wahr, wo sie mir zeigt "Das brauch ich Mama und das ist mir jetzt gerade zuviel?"

NEIN-NEIN- NEIN- JA....


Mia geht in den integrativen Kindergarten. Zum Glück hat sie in ihrer Gruppe motivierte Erzieherinnen und einen ebenso motivierten und auch kompetenten Heilpädagogen, der sich regelmäßig mit mir abspricht, von dem ich lernen kann und er von mir. Hier bekommt Mia natürlich Förderung -speziell in Kleingruppen, aber auch in der Einzelförderung. Ich weiß, wie diese Pädagogen vorgehen. Sie achten darauf, wie es Mia an dem Tag geht, ob sie es einfach braucht, mit ihren Kindergartenkumpels zu spielen, diese zu beobachten und ansonsten ihr Ding zu machen oder ob sie gerade einen Tag hat, wo sie aufmerksam ist und selber zeigt,: "ich möchte was lernen!"


Es ist ein wahnsinniges Glück, Mia in der Obhut dieser herzlichen und kompetenten Pädagogen zu wissen, erst recht, da ich immer wieder von anderen Eltern von weniger motivierten Betreuuern höre. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich Mias Betreuern im Kindergarten mein volles Vertrauen schenke und mir sicher bin, dass selbst wenn sie Fehler machen, diese bemerken und daraus lernen- so wie ich es auch von mir verlange. Denn selbst Profis machen Fehler....


Dann hat Mia 2 mal pro Woche Logopädie. Mias Logopäden kenne ich persönlich - über facebook tauschen wir uns regelmäßig aus und er geht ganz spielerisch und vorsichtig vor. Mia geht nicht gerne zur Logopädiestunde. Dieses liegt aber eher an den Räumen, als an der Person oder an dem, was gemacht wird. Mia bestimmt in der Regel die Logopädiestunde und ihr Logopäde nutzt ihr Interesse, Laute oder Wörter aus ihr herauszukitzeln. Nach den ersten 10 Minuten Eingewöhnung bei jeder Stunde, geht sie dennoch zufrieden und gut gelaunt wieder aus der Praxis. Oft müssen wir sie sogar leider in ihrem Spiel unterbrechen, da der nächste Klient nun mal bereits wartet. Ich spüre, dass Mia genau weiß, dass sie hier ist, um etwas zu lernen, aber Man(n') kann von Mia nur das verlangen, was sie bereit ist, mit zu machen. So zwingt sie keiner, es wird kein Druck ausgeübt und so lernt sie in ihrem Tempo.


2 mal pro Woche hat Mia je eine Stunde Autismustherapie. Leider ist der Weg sehr aufwendig und ich muss darüber nachdenken, ob ich diese Stunden aufgebe, weil ICH es nicht mehr schaffe und es Stress für MICH bedeutet. Aber wir sind im Gespräch die Stunden zusammen zu fassen und uns abzuwechseln  mit dem Fahren. Denn auch hier hat Mia anscheinend Probleme mit den Räumen und wir arbeiten an einer Lösung, die für Mia angenehm ist. Wird es aber für mich oder für Mia doch noch ein Stressfaktor sein, werden wir wohl leider damit aufhören. Die Autismustherapie würde wohl für Außenstehende, wie eine Spielstunde aussehen. Im Grunde ist es das auch- nur dass wir dabei versuchen unserer Kleinen, die Dinge in ganz kleinen -fast unmerklichen-Schritten näher zu bringen, die ihr schwer fallen. Das ist zum Beispiel das Warten lernen, das Anweisungen zu befolgen, dass etwas länger bei einer Sache bleiben....

Das hört sich nun doch wieder nach hartem Lernen an, aber es ist viel spielerischer, als man denkt.

Mia puzzelt zum Beispiel gerne. Bei einem Steckpuzzel gibt es 5 Autos, die Geräusche machen, wenn man sie in die richtig Form packt. Für Mia wäre es das einfachste, diesen 5 Autos ihren geeigneten Platz zuzuordnen. Sie würde dieses in 1 Minute und 30 Sekunden - vielleicht sogar noch viel schneller- schaffen, vom Stuhl springen und sich das das nächste zum Spielen aussuchen. Mias "Lernen" besteht nun aber darin, nur das Auto in die entsprechende Vertiefung zu packen, dass die Autismustherapeutin ihr zeigt. Es ist ganz simpel, letztendlich ist es aber "ich zeige dir eine Aufgabe, die Du dann machst". Das wird zum Beispiel wichtig später in der Schule sein. Dort wird Mia nicht alle 2 Minuten von einer Sache, die sie sich aussucht zu der nächsten Lieblingsbeschäftigung springen können, sondern wird zumindest lernen müssen, Dinge zum Ende zu bringen oder es weg zu räumen. Es sind die kleinen Dinge des Lebens, ohne die ein Miteinanderleben einfach nicht möglich ist.


Wichtig ist mir, dass Mia das lernt. Noch wichtiger ist mir aber, dass wir ihr Zeit geben, es zu lernen und zwar so viel Zeit, wie sie benötigt. Mia ist so aufgeweckt und sie hat einen sehr starken Willen. Auch ein autistisches Klind muss lernen, dass es im Leben Regeln gibt....- vielleicht etwas andere - vielleicht auch viel weniger...aber es gibt Regeln! Auch wenn Mia jeden Tag ein Geschenk ist, bedeutet es doch, dass das Leben mit ihr auch anstrengender ist. Mit einem Autisten zusammen zu leben ist anstrengend. Mit einem verzogenen Autisten zusammen zu leben - und auch kleine süße lockige strahlende Autistinnen haben so etwas wie eine Trotzphase- wäre noch viel anstrengender und Mia tun wir damit auch keinen Gefallen, wenn sie in der Welt der Neurotypischen irgendwie klar kommen will.


So, dass waren die regelmäßigen "Therapien" von Mia.

Zudem machen wir einmal im Jahr eine 4 -wöchige Sprach-intensiv-Therapie in Lindlar bei Köln mit unserer Süßen. (Ich habe schon mal in einem der ersteren Blogs darüber berichtet). Nun waren wir schon das zweite Mal da und Mia hat ihr Vokabular mehr als verdoppelt.  Die Zeit war anstrengend- für Mia und auch für mich, trotzdem -weiß ich- war es genau das richtige für sie.


Mia war wieder an einem Punkt angekommen, wo sie uns zeigte, dass ihr Vokabular, ihre paar Gebärden und die Symbole auf ihrem Pad, die sie bisher kennt, nicht mehr ausreichen. Sie begann wieder vermehrt zu schreien, wenn sie bemerkte, dass wir sie nicht verstehen oder sie uns nicht verstand.  Nun war es also wieder soweit - Mia brauchte Input. Unser Töchterchen lernt am besten in intensiven Zeiten..... In diesen 4 Wochen waren 2 Dinge elementar: Sprechen lernen und gaaaaanz viel Zeit mit Mama - ganz alleine für Mia.


Beides tat ihr mehr als gut! Die Logopäden und Ergotherapeuten in diesem Zentrum, kennen Mia schon und was noch wichtiger ist, Mia erkannte sie sofort. Nach 9 Monaten ging sie sogar zielstrebig zu unserer alten Wohnung (nur dass wir dieses mal leider eine andere hatten - zum Glück aber im selben Haus). Alle 4 Personen, die mit Mia gearbeitet haben, gingen so unglaublich passend mit ihr um. Sie hatten so ein gutes Gespür, wo will Mia austesten und wo kann sie etwas gerade nicht leisten. Nicht eine Minute hatte ich das Gefühl, Mia sei überfordert. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gelernt habe Mia selber zu vertrauen. Wenn Mia nicht mehr kann, dann zeigt sie es. Sie krabbelt auf den Schoß und grabbelt am Ohr, sie legt sich auf die Matte oder die große Hängeschaukel - holt vorher noch ihren Schnuller aus der Tasche, macht die Augen zu und zeigt allen Beteiligten: Jetzt brauche ich Ruhe! 

-Und die bekam sie auch, wenn sie sie verlangte.


Mia lernt gerne. Wenn sie merkt, dass etwas Neues klappt, tanzt und hüpft sie vor Freude und feiert sich regelrecht. Es ist eine Wonne das mit anzusehen. Allerdings weiß Mia oft nicht WIE sie das Neue lernen kann und dabei werde ich ihr - auch mit Unterstützung von Profis- immer behilflich sein.

-Immer beobachtend auf kleine Zeichen meiner Tochter - immer reflektierend und immer darauf achtend, dass das Strahlen in Mias Augen bleibt.


Jedes meiner Kinder habe ich individuell gefördert und auch gefordert. Kinder wollen Regeln lernen und Kinder wollen auch dazulernen....Dieses gilt nicht nur für neurotypische Kinder, sondern auch für autistische.

Das ist meine Meinung und ich stehe dazu. Ich halte nichts von kompromisslosem Verhaltenstraining  und auch nichts von Regeln, die die meine Kinder nicht verstehen.


- Keines meiner Kinder habe ich zu JA-sagern erzogen, dennoch lernten sie, Dinge zu tun, die ihnen nun nicht den größten Spaß brachten, weil sie es für sich lernten zu hinterfragen und den Sinn zu verstehen.

Keines Meiner Kinder wurde gezwungen, Dinge zu tun, dessen Sinn und Grund es nicht verstand.


Ich versuche es genau so mit Mia zu handhaben. Sie soll etwas dazu lernen- aber in ihrem Tempo und mit ihrer Lernweise. Und wenn ich spüre, dass ihr etwas zu viel wird, dann habe ich auch keine Skrupel, die Situation abzubrechen. Alle Pädagogen und Therapeuten sind ebenfalls darauf sensibilisiert - auch wenn ich nicht dabei bin.


Sicher - auch ich mache Fehler ;-)

Sicherlich habe ich auch mal einen schlechten Tag, wo ich vielleicht doch mal ein Zeichen von Mia übersehe und falsch reagiere.....- aber sie erleidet dabei ebenso wenig ein Trauma, wie ihre Geschwister - es wird ihr nicht schaden, denn wir alle lernten auch schon durch Fehler anderer.....


Ich bin leider nicht perfekt - aber ich bemühe mich, jeden Tag mein Bestes zu geben und achte auf die Gefühle meiner Kinder mit Adleraugen. So hoffe ich, jedes so gut zu fördern und zu fordern wie es ihnen gut tut und so wenig zu überfordern, wie es mein sensibles und unsensibles Muttersein hergibt....


Habt also keine Angst, Euer Kind über zu therapieren! Vertraut auf Eure Instinkte und vertraut vor allem Eurem Kind!

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Kommentare: 3
  • #1

    Anja (Freitag, 23 Oktober 2015 19:51)

    Hach...so schön geschrieben! Ich bin als Logopädin auch für größtmögliche Transparenz. Niemand hat was davon, wenn ich so tun muss, als wüsste ich alles besser, ich lerne gerne von den Eltern, die das Kind nunmal am besten kennen. Und wenn die Eltern dann noch so eine gute Wahrnehmung haben, kann die gemeinsame Therapie nur effektiv werden! Zu einer Therapiepause rate ich immer dann, wenn das Kind über mehrere Stunden hinweg frustriert aus der Therapie geht, bzw. wenn es keine Fortschritte, sondern nur noch Stagnation gibt. So eine Phase kann auch mal kommen, dann ist es aber nicht schlimm, sich und dem Kind mal eine Pause zu gönnen um danach umso motivierter wieder loszulegen. Weiter so!

  • #2

    Eva (Sonntag, 12 Februar 2017 09:09)

    Hallo, das kommt mir alles so bekannt vor. Vielleicht habt ihr auch die Möglichkeit eure Therapiestunden Zuhause zu machen. Sprich das doch mal an, vielleicht ist es dann entspannter für dich und auch ein Stückweit für Mia.
    Vielen Dank für den schönen Artikel und Liebe Grüße

  • #3

    Tralee (Dienstag, 20 August 2019 11:19)

    Die Mutter eines 12-jährigen Sohnes, Shirfa Klein, ist ein starker Befürworter der Verwendung von CBD-Öl zur Überwindung von Autismus. Bei seinem Sohn wurde im Alter von nur 2 Jahren schwerer Autismus diagnostiziert. Laut Klein hat die Verwendung von CBD-Öl für ihren Sohn ein Wunder bewirkt, und er konzentriert sich jetzt mehr auf die Schule. Er kann neue Konzepte leicht verstehen und im Klassenzimmer mehrstufige Anweisungen befolgen.
    Shirfa Klein ist Frühpädagogin und versteht die Gefühle, Ängste und das Stigma der Eltern autistischer Kinder. Ihrer Meinung nach ermutigt sie die Eltern, die verfügbaren Ressourcen für Methoden wie Therapien zu nutzen, betont aber gleichzeitig die Zugabe von CBD-Öl aus einer zuverlässigen Quelle zu ihrer Wiederherstellungsroutine.
    https://formulaswiss.com/blogs/cbd-and-autism/can-cbd-help-with-autism
    Es ist nicht das erste Mal, dass ich solche Nachrichten lese, die Hoffnung geben. Was denkst du
    Hat jemand, den Sie kennen, ähnliche Ergebnisse?
    denke, um es zu versuchen.